Russisch-ukrainische Liebesgeschichte darf nicht erscheinen

Einen Liebesroman über eine Ukrainerin und einen russischen Soldaten wird der Leser nicht zu Gesicht bekommen. Kurz vor der Veröffentlichung im November zieht der Verlag das Buch zurück. Der Grund: Hetze und Drohungen im Netz gegen Verlag und Autorin.

Es sollte der Debütroman der jungen Autorin Juna Liebrecht werden. Der Roman "Wer ich bin, wenn du mich siehst" handelt von einer russisch-ukrainischen Liebesgeschichte in Cherson während des russischen Truppeneinzugs im Frühjahr 2022. Das Liebespaar: die Zivilistin Lyusiya und ein maskierter russischer Soldat, der ihr bei einer Explosion das Leben rettet. Die beiden beginnen eine heimliche Beziehung.

Eine Liebesgeschichte, der die Autorin dem Klappentext nicht nur die äußeren Umstände, sondern auch moralische Schwierigkeiten in den Weg stellt: "Je näher Lyusiya dem Mann hinter der Maske kommt, desto deutlicher wird, dass Liebe weder Gewalt noch Schuld auflösen kann. Ihre Nähe wird zur Zerreißprobe zwischen Angst, Mitgefühl und moralischer Verantwortung."

Den Ausgang verrät der Klappentext nicht, und der deutsche Leser wird auch nicht die Chance haben, durch den Erwerb des Buches zu erfahren, wie es mit Lyusya und dem maskierten Unbekannten weitergeht. Denn der Verlag hat das Buch kurz vor der Veröffentlichung zurückgezogen. Dies berichtete gestern die Deutsche Presse-Agentur.

Dabei stand das Buchprojekt der 1998 geborenen, studierten Grundschullehrerin Liebrecht zunächst unter einem guten Stern. Sie fanden im Molino-Verlag aus Sindelfingen einen Herausgeber, der das Manuskript veröffentlichen wollte. Dass das Buch nicht ohne Gehalt ist, darauf lässt ein Arbeitsstipendium des "Förderkreises der Schriftsteller in Baden-Württemberg g. e. V." (früher: "Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg") schließen.

Die Geförderten erhalten eine monatliche Zahlung von 500 Euro, die bis zu einem halben Jahr andauern kann. Finanzier des Stipendiums ist das baden-württembergische Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Außerdem hätte Juna Liebrecht ihr Erstlingswerk auf dem Bücherfestival Baden-Baden vorstellen sollen.

Doch die (fiktive) Liebesgeschichte zwischen einer Ukrainerin und einem Russen war einigen ein Dorn im Auge, bevor sie überhaupt die Möglichkeit hatten, die Qualität des Buches zu beurteilen. Verlag und Autorin erfuhren heftige Kritik, ja sogar eine regelrechte Hetze im Netz, die sich dem Verlagshaus zufolge bis hin zu Drohungen steigerte.

Matthias Slunitschek, der Leiter der Verlags-GmbH Molino, erklärte der Deutschen Presse-Agentur, derzeit würden alle Kanäle des Verlags mit Nachrichten zugeschüttet. Slunitschek äußerte den Verdacht, dass es sich bei dem digitalen Sturm der Entrüstung um eine konzertierte Aktion handeln könnte. Mittlerweile sind sowohl die Autorenseite von Juna Liebrecht als auch ihr Instagram-Account nicht mehr öffentlich zugänglich.

Auf dem Instagram-Account von Molino finden sich einige Kommentare auf Deutsch oder Ukrainisch unter Posts, die gar nichts mit dem Buch von Juna Liebrecht zu tun haben. So schreibt etwa die Instagram-Nutzerin "vittasept" unter Verweis auf angeblich russische Kriegsgräuel:

"Indem Sie 'niedliche' Bücher über den Krieg der Russen gegen die Ukrainer veröffentlichen, machen Sie sich zu einem Teil ihrer Propaganda. Vielleicht schreiben Sie ja auch ein 'niedliches' Buch über die Liebe zwischen einem KZ-Wächter und einer jüdischen Frau, bevor sie in einem Gasofen verbrannt wurde!"

Verleger Slunitschek erläuterte gegenüber der Presse, der Tenor der Vorwürfe laute, der Liebesroman romantisiere den Krieg in der Ukraine und gehe unsensibel mit ukrainischen Kriegserfahrungen um. Man habe nun auf Wunsch der Autorin entschieden, das Buch nicht zu veröffentlichen, auch wenn die eigentliche Idee gewesen sei, für Menschlichkeit und Frieden über eine zwischenmenschliche Begegnung zu werben.

Nicht alle akzeptieren diese Selbstzensur. Der konservative Autor Peter Borbe schrieb auf der Social-Media-Plattform X : "Eine solche Geschichte passt nicht in ein propagandistisches Umfeld, in dem man die Bevölkerung doch auf einen großen Krieg gegen Russland einschwören will. Die Autorin, Juna Liebrecht, entschuldigte sich auch bereits für ihr Sakrileg." Eine Stellungnahme vom Förderkreis und dem Land Baden-Württemberg zur Drangsalierung der von ihnen finanziell unterstützten Autorin gibt es bisher nicht.

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