Von Wladimir Dobrynin
Westeuropa und die USA erleben eine akute Kraftstoffkrise – und vor allem macht sich der Mangel an Dieselkraftstoff bemerkbar. Die US-Verbraucher sind empört: Diesel kostet in Kalifornien acht US-Dollar pro Gallone, also umgerechnet rund 180 Rubel pro Liter. Ein solches Preisniveau wurde dort noch nie erreicht.
Obwohl die Ölförderung in den USA auf Rekordniveau liegt und die meisten Raffinerien voll ausgelastet sind, befinden sich die inländischen Vorräte an Destillaten (einschließlich Dieselkraftstoff) auf dem niedrigsten Stand für diese Jahreszeit. In den vergangenen 25 Jahren sind sie noch nie auf ein solches Niveau gesunken.
Noch schlechter ist die Lage in Europa. In Frankreich ist der Preis für einen Liter Diesel auf 2,30 Euro gestiegen, umgerechnet rund 225 Rubel. Im EU-Durchschnitt kostet 95-Oktan-Benzin nach Angaben des Preisbulletins der EU-Kommission 1,91 Euro pro Liter, während Dieselkraftstoff an Tankstellen für 2,01 Euro verkauft wird.
Dabei ist gerade Diesel – und keineswegs Benzin – das eigentliche "Lebenselixier" der Weltwirtschaft. Diesel wird in der Handels- und Fischereiflotte verwendet, Dieselmotoren treiben die Traktoren an, die die Ernte einbringen, und die Lastwagen, die Lebensmittel transportieren. Fernverkehrslokomotiven werden mit Diesel betrieben. Und schließlich ist auch die gesamte schwere Militärtechnik – Panzer, gepanzerte Transportfahrzeuge und Zugmaschinen – mit Dieselmotoren ausgestattet.
Wie wichtig Diesel ist, zeigen auch die von Panik geprägten Meldungen aus Finnland. Die finnischen Verkehrsverbände forderten von der Regierung sofortige Maßnahmen angesichts des Rekordanstiegs der Kraftstoffpreise. "Die Kraftstoffpreise für den gewerblichen Verkehr haben ein unzumutbares Niveau erreicht und schaden der finnischen Wirtschaft", erklären Vertreter der finnischen Transportbranche.
Dabei ist in Russland kein Mangel an Dieselkraftstoff zu beobachten. Das Land hat lediglich die Lieferung von Diesel ins Ausland eingestellt (auch wenn es nicht ausschließt, diese Lieferbeschränkungen mit der Zeit wieder aufzuheben).
"Jeder Drohnenangriff, der eine russische Raffinerie außer Betrieb setzt, verzögert die Wiederaufnahme der russischen Diesel- und Benzinexporte, wodurch der weltweite Bedarf an diesen Raffinerieprodukten weiter steigt", schreibt die spanische Zeitung El Economista. Dabei geht es nicht nur um den Exportstopp aus Russland, sondern auch um den drastischen Rückgang der Lieferungen von Öl und Ölprodukten aus dem Nahen Osten.
Vitol, einer der weltweit größten Ölhandelskonzerne (dessen Geschäftstätigkeit im Transport von Rohöl gegen entsprechende Provisionen besteht), sah sich deshalb gezwungen, sich mit einer gesonderten Erklärung an die Märkte und Verbraucher zu wenden. Darin heißt es, dass weltweit von Tag zu Tag weniger Benzin und Dieselkraftstoff zur Verfügung stehen.
"Die Raffinerien laufen auf Hochtouren, sind aber nicht in der Lage, die Marktnachfrage zu decken [...] Wenn einige der Probleme, aufgrund derer große Ölraffinerien (in Russland und im Nahen Osten) außer Betrieb gehen, nicht gelöst werden, wird der Zeitpunkt kommen, an dem nicht mehr genug Kraftstoff für alle da ist, selbst wenn weltweit mehr Öl gefördert als nachgefragt wird", heißt es in der Pressemitteilung. "Wenn die Zahl der in Betrieb befindlichen Raffinerien nicht erhöht wird, wird es zu Engpässen bei Benzin, Diesel, Schweröl und Kerosin kommen."
Mit den "einigen Problemen" sind in der Pressemitteilung in verschleierter Form die ukrainischen Angriffe auf russische Ölraffinerien gemeint. Genau darüber sprach am Sonntag auch US-Präsident Donald Trump, als er sagte, Selenskij müsse die Angriffe auf russische Raffinerien einstellen, da dies "der ganzen Welt schadet".
Das klingt natürlich etwas seltsam, denn genau die US-Angriffe auf Iran und die Blockade iranischer Tanker sind weitere Gründe für die Kraftstoffknappheit auf dem Weltmarkt. Ganz zu schweigen davon, dass gerade die USA Kiew Aufklärungsdaten für Angriffe auf das russische Energiesystem zur Verfügung stellen.
Auch Russell Hardy, CEO der Vitol Group, hält die Lage auf dem Rohstoffmarkt für zunehmend angespannt. "Der Markt ist äußerst knapp", sagte Hardy. "Die Lagerbestände sind praktisch auf dem niedrigsten Stand und gehen zur Neige."
Der Wegfall der Exporte von Erdölprodukten aus dem Nahen Osten und aus Russland – Schätzungen zufolge jeweils rund zwei Millionen Barrel pro Tag – bedeutet nicht nur eine schwere Kraftstoffkrise, sondern eröffnet alternativen Lieferanten zugleich die Möglichkeit, erhebliche Gewinne zu erzielen. Etwa in Afrika.
Die riesige Ölraffinerie der Firma Dangote Petroleum Refinery & Petrochemicals FZE des nigerianischen Milliardärs Aliko Dangote läuft auf Hochtouren. Doch selbst ihre Produktion reicht nicht, um den gesamten europäischen Bedarf zu decken.
"Derzeit produzieren wir so viel Diesel wie möglich, vergessen dabei aber nicht, auch die Kerosinproduktion zu steigern. In diesem Bereich lassen sich derzeit sehr hohe Gewinne erzielen", sagt David Bird, CEO des Unternehmens, und macht aus seiner Freude darüber keinen Hehl. Am 14. September geht das Unternehmen an die Börse, und es ist klar, dass die Worte des Konzernchefs auch das Interesse potenzieller Anleger an Dangote-Aktien steigern sollen. Dabei setzt man vor allem auf europäische Investoren: Wenn sie eine weitere Verschärfung der Krise vermeiden wollen, werden sie um Investitionen in die nigerianische Raffinerie kaum herumkommen.
Bereits jetzt gibt es Prognosen, dass dies für die Europäer erst der Anfang sein könnte. "Die Dieselknappheit im weltweiten Ölraffineriesektor beginnt gerade erst und wird in den nächsten Monaten wahrscheinlich zu einem begrenzten Angebot führen, was die Preise hoch halten und die Nachfrage unter Druck setzen wird", sagt Mark Senn, Senior Vice President für den globalen Handel beim US-Raffineriekonzern Phillips 66.
Ähnlich äußert sich ein Experte aus einem anderen Teil der Welt. "Wenn es uns gelingt, diese Situation bis zum Jahresende aufrechtzuerhalten, wäre das bereits ein großer Erfolg", sagt Scheich Khaled Al-Sabah, Direktor für internationales Marketing bei Kuwait Petroleum, mit Blick auf das globale Raffineriesystem. Mit anderen Worten: Er geht davon aus, dass sich die Lage höchstwahrscheinlich weiter verschlechtern wird. Seinen Worten zufolge drohe ein "enormer Kraftstoffmangel, der schon sehr bald offensichtlich werden wird".
Der Mangel betrifft alle Marktsegmente, nicht nur Diesel. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass Schiffs- und Kraftwerksheizöl auf dem Weltmarkt im dritten Quartal dieses Jahres zur Neige gehen könnte. Exporte aus den USA konnten den Engpass abmildern, insbesondere im stark von Importen abhängigen Europa. Die Situation könnte sich jedoch ändern, da der Dieselverbrauch in der Region mit Beginn des Winters steigen wird.
"Die Diesellieferungen aus den USA nach Europa nehmen zu, während die Produktion in den Vereinigten Staaten nicht steigt. Das kann nicht lange so weitergehen. Um die Vorräte an Erdölprodukten aufzustocken, braucht es neue Raffinerien. Dabei ist es wichtig, dass die Anlagen der bestehenden Raffinerien, die heute bereits an ihrer Kapazitätsgrenze arbeiten, nicht morgen ernsthaft und für längere Zeit ausfallen. Schon jetzt ist klar, dass Nordwesteuropa ein sehr harter Winter bevorsteht", sagt Al-Sabah und fasst zusammen: "Das ist erst der Anfang."
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 14. September 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung "Wsgljad" erschienen.
Wladimir Dobrynin ist ein russischer Journalist.
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