Trotz "verrückter Mütter": Darum sucht die Welt weiterhin nach russischen Tennistalenten

Alan Moore hat jahrelang mit Profi-Tennisspielern zusammen gearbeitet und beleuchtet für uns die russische Tennisschule und wie sie sich im Laufe der Jahre verändert hat – dank Reformen, die der nächsten Generation einen noch stärkeren Start ermöglichen könnten.

Von Alan Moore

Freunde und Verwandte sagten mir oft, welch großes Glück ich hätte, mit Profi-Tennisspielern zu arbeiten. Die Leute – allen voran Sportjournalisten – beugten sich oft zu mir herüber und flüsterten mir zu, ich hätte einen Traumjob. Ich entgegnete dann: eher ein Albtraum als ein Traum.

Der Porsche Tennis Grand Prix in Filderstadt bei Stuttgart ist das große Aushängeschild des deutschen Tennis; vor 15 Jahren war ich dort, um einen unserer Kunden zu betreuen, der es bis ins Finale geschafft hatte. Als ich gerade in der Spielerlounge saß und einen Snack zu mir nahm, kam der dänische Star Caroline Wozniacki für ein Gespräch vorbei. Sie nahm gerade Kohlenhydrate für ihr Halbfinale gegen die Polin Radwańska zu sich und bemerkte, dass eine russische Spielerin, die bereits früher im Turnier ausgeschieden war, immer noch dort herumhing und ebenfalls "Kohlenhydrate tankte".

"Sie kann jede Spielerin der Welt schlagen, sie muss nur ihre Ernährung in den Griff bekommen", sagte die großartige Dänin mit sehr ernster Miene. Ich warf einen Blick auf die besagte junge Frau und fragte mich, wie viele Stücke des gehaltvollen, leckeren Schokoladenkuchens sie eigentlich auf ihrem Teller brauchte. Ich wusste jedoch, dass sie nur eine von vielen war, die ein chaotisches, völlig ungeeignetes Tennissystem durchlaufen hatten.

Talente verheizen

Der enorme Fokus auf Training und Wettkampf hat mehr russischen Spitzentalenten ihre Karriere gekostet als etwa fehlende finanzielle Mittel für Turnierteilnahmen oder andere Faktoren. Nach 1991 schoss das russische Tennis in dieser Hinsicht über das Ziel hinaus. Zu viele junge Spielerinnen und Spieler erlitten körperliche und psychische Zusammenbrüche (Burn-out).

"Man darf nicht vergessen, dass es sich um Kinder handelt", sagte mir im vergangenen Jahr Vesna Dolonc, eine gebürtige Russin, die für das serbische Fed-Cup-Team spielt, in der Sendung "Capital Sports". "Burn-out ist ein reales Problem, und auch die Eltern müssen darauf achten." Vesna, eine talentierte russische Nachwuchsspielerin, die sich entschied, für das Heimatland ihres Vaters anzutreten, erreichte bei allen Grand-Slam-Turnieren das Hauptfeld. Nach dem Gewinn von acht Profititeln beendete sie 2017 ihre Karriere, um sich auf die Trainertätigkeit zu konzentrieren. Ihrer Ansicht nach gibt es in Russland zwar enorm talentierte Kinder und Trainer, doch müsse der Fokus stärker auf den "ganzen Menschen" gelegt werden.

Darauf wies Melik, der Vater der inzwischen zurückgetretenen russischen Tennisspielerin Margarita Betowa (geb. Gasparian), hin, als ich 2011/12 zeitweise mit seiner Tochter zusammenarbeitete.

"Sie [die Trainer der Nationalmannschaft] ließen sie spielen, selbst wenn sie kaum auf einem Bein stehen konnte – und beschwerten sich dann, wenn sie verlor", erzählte er mir bei unserem ersten Treffen.

Später, als wir sie beim Kremlin Cup 2012 beobachteten, machte er den Kampf um finanzielle Mittel als Hauptursache dafür aus.

"Der [russische Tennis-]Verband hat nicht genug Geld für alle jungen [Spielerinnen], also verausgaben sie sich bis zur Selbstaufgabe, um zu gewinnen und spielen zu können – selbst wenn sie verletzt sind."

Das war damals, als so viele junge Russinnen, die auf der Juniorinnen-Tour hervorragende Leistungen gezeigt hatten, von der Bildfläche verschwanden, noch bevor sie den Sprung in die Top 100 schafften. Manche Spielerinnen fanden alternative Wege zu Erfolg und Unterstützung.

Mehr Top-100-Spielerinnen

Seit 2011 waren am Jahresende stets mindestens sechs russische Spielerinnen in den Top 100 der Weltrangliste vertreten. Seit 2022 ist diese Zahl stetig gestiegen; im Zeitraum 2023–2025 waren es 13 Spielerinnen. Aktuell befinden sich zehn Russinnen in den Top 100. Dabei gibt es jedoch eine Besonderheit zu beachten.

Darin nicht enthalten sind in Russland geborene Spielerinnen, die für andere Länder antreten, wie Elena Rybakina. Die gebürtige Moskauerin war das jüngste Talent, das unter der Flagge Kasachstans antrat – mit garantierter Vollfinanzierung, Trainerstab und Betreuungsteam. Dasselbe gilt für die Weltranglisten-50. Anastassija Potapowa, die nach Österreich wechselte; es scheint fast an der Tagesordnung zu sein, dass eine andere Nation – etwa Australien, Usbekistan oder Frankreich – ein Talent aus dem russischen Tennissystem unter Vertrag nimmt.

"Es gibt so viele Spielerinnen", erklärte Xenija Perwak ​​– die ehemalige Nummer 37 der Weltrangliste, die für drei Jahre nach Kasachstan gewechselt war –, "so viele wirklich gute Spielerinnen; wenn man es nicht frühzeitig in die Top 50 schafft, bekommt man keine finanzielle Förderung."

Als hochtalentierte Juniorin, die 2009 den Titel bei den Australian Open gewann, wurde sie von Verletzungen ausgebremst und beendete ihre Karriere 2017 im Alter von nur 26 Jahren endgültig.

Bedeutet die Tatsache, dass mehr russische Spielerinnen – auch unter der Flagge anderer Länder – in den Top 100 vertreten sind, dass das System funktioniert?

Ein System im Wandel

"Wir waren viele", erzählte mir Xenija 2019 in der Sendung Capital Sports, "eine ganze Generation, Dutzende von uns. Aber wissen Sie, wenn ich heute als Juniorin spielen würde, wäre alles ganz anders."

Besser? Fragte ich.

"Auf jeden Fall", antwortete sie voller Begeisterung und erläuterte, wie der Russische Tennisverband (RTF) bewährte Standards für Trainer, Spielerinnen und sogar Eltern eingeführt hatte.

Eine Vertreterin dieser "Generation", Jekaterina Bytschkowa, berichtete 2020 vor einem sichtlich begeisterten Publikum aus Studenten der Staatlichen Sozialen Universität Russlands darüber.

"Eltern können manchmal etwas verrückt sein; sie leben ihre eigenen Träume durch ihre Kinder aus", sagte sie und erzählte einige amüsante Anekdoten aus ihrer eigenen Erfahrung als Spielerin und Trainerin.

"[Das Tennis-System in Russland] ist nicht mehr wiederzuerkennen im Vergleich zu der Zeit, als ich ein Kind war. Heute wird man über Ernährung, richtiges Fitnesstraining und sogar Schlaf aufgeklärt. Es ist nicht perfekt, aber ich hätte kein Problem damit, mein Kind – sollte ich eines haben – dort anzumelden", sagte Jekaterina, als hätte sie die Zukunft vorausgeahnt.

Inzwischen ist sie selbst Mutter; sie hat ihren kleinen Sohn Mark zum Tennisunterricht angemeldet, und ihm macht es großen Spaß.

Sind wir schon angekommen?

Der russische Tennisverband (RTF) scheint vernommen zu haben, was die ersten Generationen post-sowjetischer Spielerinnen durchmachen mussten. Wie bereits erwähnt, wurden Standards eingeführt, die sich im Laufe der Zeit weiterentwickeln und verbessern werden. Die Problematik mit den Eltern war für mich schon immer ein großes Ärgernis.

Ljudmila Nikojane, eine führende russische Trainerin und ehemalige erfolgreiche Profispielerin, die für Armenien – die Heimat ihres Vaters – antrat, gab mir oft Ratschläge im Umgang mit den "verrückten Müttern". Jene Mütter, die dieselbe Kleidung und Frisur wie ihre Töchter trugen und sich gefährlich nah am Geschehen postierten.

Eine dieser "verrückten Mütter" gab den Anstoß dafür, dass der Verband über Richtlinien nachdachte. Ich war bei einem ITF-Profiturnier (Dotierung: 25.000 US-Dollar) in Moskau anwesend, als russische Funktionäre tatsächlich völlig ratlos und handlungsunfähig waren.

Im zweiten Satz eines Doppelspiels unterliefen dem Kind der Mutter immer wieder Fehler bei den Vorhand-Volleys am Netz. Genervt verließ die Mutter während einer Spielpause den Balkon, der über den Platz ragte. Sie begab sich auf das Spielfeld, zerrte ihre Tochter von deren Sitzplatz hoch und demonstrierte ihr, wie man den Schlag richtig ausführt.

Der Schiedsrichter rief um Hilfe, Turnierverantwortliche eilten herbei, doch es war bereits zu spät. Die deutsche Spielerin Annika Beck und ihre Mutter standen neben mir und beobachteten den Vorfall. Unser Gespräch über mein früheres Leben in Deutschland und ihre Heimatstadt Gießen wurde jäh unterbrochen, als die "verrückte russische Mutter" vom Turnierleiter aus der Halle geführt wurde und ihre jugendliche Tochter kaum die Tränen zurückhalten konnte.

Wie mir Vesna und Jekaterina erzählten, kommt es bei Trainingseinheiten oder Turnieren zwar gelegentlich zu Ausbrüchen von Eltern, doch dank der Richtlinien des russischen Tennisverbands (RTF) sind diese deutlich zurückgegangen. Neben einer besseren Trainerausbildung, der Aufklärung von Spielern und Eltern sowie der Begrenzung der Turnierteilnahme zur Vermeidung von Überbelastung entwickelt sich Russland zunehmend zu einem Ort, der Kindern hervorragende Bedingungen für den Tennissport bietet. Sobald die International Tennis Federation (ITF) das Stigma der russischen Herkunft beseitigt hat, werden wir erleben, wie immer mehr einheimische Talente unter russischer Flagge große Turniere gewinnen.

Übersetzt aus dem Englischen.

Alan Moore ist Sportjournalist und Moderator von Capital Sports 3.0. Er lebt in Vilnius. Als ehemaliger Sportler hat er mehr als 30 Jahre Erfahrung im Profisport.

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