Meinung

Putins "hybrider Krieg" oder macht die EU den Kreml für eigenes Versagen verantwortlich?

Die jüngste Kampagne der EU/NATO-Eliten, Moskau der Anstiftung des Chaos auf Europas Straßen zu bezichtigen, ist ein bequemer, aber dümmlicher Versuch, von der Eigenverantwortung für die vielen heimischen Krisen abzulenken, deren Ursachen sie in den letzten Jahrzehnten selbst geschaffen haben.
Putins "hybrider Krieg" oder macht die EU den Kreml für eigenes Versagen verantwortlich?Quelle: AP © urheberrechtlich geschützt

Von Rainer Rupp

Im Oktober 2022 anlässlich der Eröffnung der neu gegründeten Europäischen Diplomatischen Akademie im belgischen Brügge sagte der damalige EU-Außenbeauftragte Josep Borrell vor ausgesuchten studentischen Nachwuchsdiplomaten Folgendes:

"Ja, Europa ist ein Garten. Wir haben einen Garten gebaut. Alles funktioniert. Es ist die beste Kombination aus politischer Freiheit, wirtschaftlichem Wohlstand und sozialem Zusammenhalt, die die Menschheit bauen konnte … Der Rest der Welt ist größtenteils ein Dschungel, und der Dschungel könnte in den Garten eindringen."

Borrell stand damals in der EU-Hierarchie neben Ihrer Exzellenz, der ehrenwerten Frau von der Leyen, an der Spitze der EU-Institutionen und in dieser Position wusste er genau, wovon er sprach. Daher, liebe Leser, folgt hier meine besorgte Frage:

Wie können Sie nur so leichtgläubig sein und den von Putin bezahlten, professionellen Unruhestiftern auf Europas Straßen auf den Leim gehen? Wie könnten Sie nur glauben, dass die Wut im "Garten Europas" auf soziale Ungleichheit, steigende Lebenshaltungskosten, eine trostlose Zukunft für die Jugend, auf sozial abgehängte Vororte der großen Städte, auf einschneidende Sparmaßnahmen im Sozialbereich, auf die Kürzung der Renten und auf den rapiden Anstieg der Militärausgaben auf immer neue Rekordhöhen zurückzuführen ist? Wie können sie auch nur denken, dass höhere Militärausgaben und -hilfen angeblich die Schulen und Krankenhäuser ausbluten lassen? Sie müssen ihren gewählten Regierungsvertretern trauen und nicht diesen gewissenlosen von Moskau geschickten Gesellen!

Jeder von Rang und Namen in der EU, etwa der italienische Präsident Mattarella, hat eine viel einfachere und dafür auch korrekte Erklärung für die Unruhen, die seit Mitte Oktober den Alten Kontinent überziehen. Laut Mattarella ist es nämlich "Russland, das die Fäden zieht". Das beruht auf einer glasklaren Logik. Oder wollen Sie, lieber Leser, das bestreiten? Das würde uns nur in endlose, langweilige sozioökonomische Debatten entführen und uns in einen noch größeren Knoten verwickeln.

Es geht aber darum, den Knoten zu durchtrennen und uns möglichst schnell wieder handlungs- und verteidigungsfähig zu machen. Warum sollen wir länger um den heißen Brei herumreden? Sprechen wir doch aus, was wir schon lange wissen: Putin der Schreckliche ist schuld. Das weiß doch jedes Kind. Das muss nicht immer wieder mit langen, zeitraubenden Analysen bewiesen werden. Und vergessen Sie bitte spaltende Diskussionen über sinkende Reallöhne und marode öffentliche Dienste – lassen Sie uns einfach eine weitere EU-Gipfelkonferenz über Russlands "hybriden Krieg" gegen uns einberufen.

So wie eben geschildert stelle ich mir die Diskussionen und Überlegungen vor, mit denen sich die globalistischen EU-Eliten beschäftigen, ganz nach dem vorrevolutionären Motto: "Was, die haben kein Brot? Dann sollen sie doch Kuchen essen!"

Zurück zur Realität

Tatsächlich hat Mitte Oktober 2026 eine Welle von Protesten und Unruhen große Teile Westeuropas erfasst. Das veranlasste italienische Führungspersönlichkeiten, von "hybrider Kriegsführung" und "unidentifizierten Subjekten" zu sprechen, wobei einige Regierungsquellen und Beamte die Gewalt mit angeblichen "russischen Einflussoperationen" in Verbindung bringen. Ähnliche Verdächtigungen sind in Diskussionen über Ereignisse in Frankreich, Belgien und anderswo aufgetaucht, während Analysten und Ermittler betonen, dass die Beschwerden, die den Unruhen zugrunde liegen, hausgemacht sind und Beweise für die Anstiftung der Gewalt auf Europas Straßen durch Moskau fehlen.

Die Unruhen begannen mit Schüler- und Arbeiterdemonstrationen über Bildungsfinanzierung, Lebenshaltungskosten, Wohnraum und Sparmaßnahmen. In Frankreich eskalierten die Proteste, die sich zunächst gegen die Probleme an Sekundarschulen richteten, um den 17. Oktober in mehreren Städten und führten zu Zusammenstößen, Plünderungen und Bränden. In Italien führte ein Wochenende der Gewalt in Mailand und anderen Städten dazu, dass junge Menschen Geschäfte plünderten, Fenster einschlugen und mit der Polizei aneinandergerieten, was zu Hunderten von Festnahmen (viele davon Minderjährige) und erheblichen Sachschäden führte. Parallele Aktionen fanden in Belgien statt, wo Studierende und Gewerkschaften gegen Haushaltskürzungen marschierten, mit einigen Auseinandersetzungen über Wohnraum und Mieten.

Italiens Präsident Mattarella forderte eine "intelligente und eingehende Analyse" und "sorgfältige Wachsamkeit" gegen Handlungen von "nicht identifizierten Personen" oder "beispiellosen Subjekten". Zugleich berichteten italienische Medien, dass hochrangige Regierungs‑, Verteidigungs‑ und Geheimdienstquellen hinter den Unruhen ausländische – insbesondere russische – Operationen vermuteten. Sie erkannten in dem Chaos auf den Straßen angeblich Methoden der hybriden Kriegsführung, die sie seit Langem mit dem Kreml in Verbindung gebracht haben.

Italiens Verteidigungsminister Guido Crosetto wurde sogar noch deutlicher. Auf einem Forum für die Beschaffung von Rüstungsgütern beschrieb er die Ereignisse in Mailand als "grundlegend anders als in früheren Epochen" und als "Ergebnis dessen, was ich einen hybriden Krieg nenne". Dieser Konflikt, sagte er, wird " innerhalb unserer Nationen "durch unkonventionelle Werkzeuge wie TikTok, Social Media und YouTube" geführt, ohne dass der Westen dies vollständig merkt oder darauf reagiert.

Crosetto argumentierte, dass ein erheblicher Teil der jungen Menschen anscheinend eine "Gegenerziehung" außerhalb von Familie und Schule erhalten hat, die Werte und Weltanschauungen vermittelt, die im Widerspruch zur demokratischen Gesellschaft stehen. Es wurde berichtet, dass Geheimdienste Social-Media-Konten untersuchen, die Clash-Videos kommentieren, einschließlich automatisierter Profile mit russischen Flaggen, und Telegrammkanäle, die Protestaufrufe mit prorussischen Inhalten mischen.

In Belgien hat Verteidigungsminister Theo Francken erklärt, dass die Sicherheitsdienste "starke Hinweise" auf eine Beteiligung Russlands an einer Reihe von Vorfällen gefunden haben, darunter Drohnenaktivitäten über sensiblen Standorten und Cyberangriffe, die darauf abzielen, Instabilität zu verursachen und die öffentliche Meinung inmitten der Unterstützung Belgiens für die Ukraine zu beeinflussen. Obwohl die Bemerkungen nicht speziell auf die jüngsten Studentenmärsche bezogen sind, spiegeln sie eine breitere offizielle Haltung wider, hybride Aktivitäten Moskau zuzuschreiben.

Der spanische Premierminister Pedro Sánchez hat zuvor mit Russland verbundene Social-Media-Netzwerke beschuldigt, Desinformation über Migrationsfragen wie die Ceuta-Krise zu verbreiten.

Diese Aussagen müssen vor dem Hintergrund eines schon länger von EUnuchen gepflegten Narrativs über angebliche russische Hybrid-Operationen gegen Europa gesehen werden. Seit Beginn der russischen MSO in der Ukraine im Februar 2022 haben Beamte und Geheimdienste der EU-Länder hinter jeder Brandstiftung russische Sabotage, hinter jeder angeblichen Drohnensichtung oder hinter jedem Cyberangriff russische Provokationen gesehen. Selbst die Einmischung in Wahlen und Informationsmanipulation wurde russischen Akteuren zugeschrieben.

Frankreich hat öffentlich bestimmte Cyberkampagnen staatlichen russischen Diensten zugeschrieben und russische Diplomaten einbestellt. EU-Staats- und Regierungschefs, darunter Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, haben eine eskalierende hybride Kampagne beschrieben, mit der die Russen die EU-Bürger verunsichern und deren Entschlossenheit testen wollen, die Unterstützung für die Ukraine fortzuführen.

Diese haltlosen, in der Regel pauschalen und oft surrealen Verdächtigungen der antirussischen EU-Kriegspropaganda über die angebliche hybride Kriegsführung des Kremls blieben jedoch zum Glück nicht gänzlich ohne Widersprüche. Selbst einigen angesehenen westlichen Mainstream-Medien, wie der Financial Times, die sonst mit ihren Schuldzuweisungen und antirussischen Kommentaren nicht zurückhaltend ist, war die hybride Kriegspropaganda der EU, dass nämlich Russland für die massiven und teils sehr gewalttätigen Oktober-Unruhen in europäischen Metropolen verantwortlich sei, inakzeptabel. Denn – seien wir ehrlich – diese surrealen Beschuldigungen Russlands sind letztlich kontraproduktiv für die Glaubwürdigkeit der gesamten westlichen Berichterstattung. Denn eine publizistische Ausnutzung der Chaos-Tage in den EU‑Ländern durch den Kreml kann noch lange nicht mit einer Orchestrierung der Unruhen durch Russland gleichgesetzt werden, wie es die EU-Eliten tun.

Ein Bericht der französischen "Desinformationskommission" und die französische Überwachung des Internets mit der Viginum-Methode fanden keine Beweise dafür, dass ein ausländischer Staat die Proteste in Frankreich begonnen oder geleitet hätte. Die Unruhen wurden als einheimisch charakterisiert, ausgelöst durch Unzulänglichkeiten in den Schulen, bei den Löhnen, öffentlichen Dienstleistungen und Lebenshaltungskosten. Russische Staatsmedien und Beamte haben zwar mit großer Befriedigung die Bilder vom Chaos in EU-Metropolen verbreitet und Kreml-Sprecher Dmitri Peskow bezeichnete die Unruhen als Ausdruck einer Krise. Zugleich bestand er jedoch darauf, dass diese Geschehnisse eine interne Angelegenheit der betroffenen Länder seien.

Vorwürfe einer russischen Beteiligung an diesem Chaos wies Peskow als absurd zurück. Andere russische Persönlichkeiten wie Kirill Dmitriev und Aleksandr Dugin stellten die Ereignisse als "selbstmörderischen Sturz Europas" dar oder kritisierten die italienische und französische Führung, während sie die Unordnung feierten. Ein Bericht der Financial Times zitierte sogar einen hochrangigen europäischen Geheimdienstmitarbeiter, der erklärt hatte, es gebe keine konkreten Beweise dafür, dass russische Agenten die Gewalt geschürt hätten.

Moskau für das Chaos in Europas Straßen verantwortlich zu machen, ist ein bequemer, aber dümmlicher Versuch, von den vielen Facetten der heimischen Krisenjahre abzulenken.

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